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  • AutorenbildEmily Paersch

Nachlese: Plötzlich Pflegefall

Aktualisiert: 18. März

Pflegeexpertin Nadin Arts (2.v.l.) lieferte in ihrem Vortrag umfangreiche Informationen zum Thema Pflege in Ungarn. Die Gastgeber Andreas und Emily Paersch freuten sich über das große Interesse.

Einen hochkonzentrierten Vortrag mit einer Fülle wichtiger Informationen lieferte Pflegeexpertin Nadin Arts in der ersten Veranstaltung des Jahres aus unserer Reihe „Impulsvorträge am Balaton“. Das Spektrum reichte von Pflegebedingungen und -einrichtungen in Ungarn, wichtigen Kontaktadressen sowie rechtlichen Hinweisen wie z.B. zu Patientenverfügungen und Testamenten bis hin zu Möglichkeiten der Sicherung wie z.B. des Hausnotrufs. Sie setzte damit einen hoch kompetenten und detailreichen Startpunkt für die neue Vortragssaison. Das Interesse an diesem ernsten Thema war entsprechend groß, die Veranstaltung bis auf den letzten Platz ausverkauft.


Nadin Arts, die selbst seit April 2023 einen Pflegedienst in Ungarn betreibt, vorher viele Jahre in Deutschland, der Schweiz, Österreich und den USA tätig war, zeichnete ein kritisches Bild der Pflegesituation in Ungarn. Die gute Nachricht: Pflegekräfte in Ungarn sind im Vergleich zu ihren deutschen Kollegen besser ausgebildet, da der Beruf ein mehrjähriges Studium erfordert. Die schlechte Nachricht: Die Kapazitäten in Ungarns Krankenhäusern sind nicht für Langzeitpflege ausgelegt, zudem sind gerade die guten Altenpflegeheim mit langen Wartezeiten verbunden. Was also tun im Ernstfall?


Familien sehen sich immer mehr mit der Situation konfrontiert, eigenverantwortlich für die Pflege der Familienmitglieder tätig zu werden, für Menschen ohne Angehörige eine besondere Herausforderung. Für viele Auswanderer erschwert zusätzlich die Sprachbarriere die Kommunikation mit Ärzten und Pflegekräften. Viele Gründe, sich rechtzeitig mit diesem Thema auseinanderzusetzen, um im Fall der Fälle schnell an die benötigte Hilfe zu gelangen.


Dorfkrankenschwestern (Védönö)


Eine erste Anlaufstelle für Pflegebedürftige bietet der Dienst der Dorfkrankenschwestern und Pflegekräfte. Ziel des Dienstes ist es, Menschen zu helfen, die in kleinen Dörfern und Bauernhöfen mit 70 bis 600 Einwohnern leben. Zu den Aufgaben des Dorfpflegers gehören der Transport kranker und älterer Menschen zu medizinischen Untersuchungen oder Gottesdiensten sowie – je nach Kapazität – Lieferung von Mahlzeiten und tägliche Hilfe. Nadin Arts wies jedoch darauf hin, dass gemäß den Statistiken von 2019 hier vielerorts schon Wartelisten eingerichtet wurden, da der aktuelle Bedarf nicht gedeckt werden kann.


Grundversorgung


Das ungarische Gesetz sieht eine Reihe von Grundversorgungen vor, die über die Gemeinde und auch die Institution Kirche angefragt werden können. Zur Grundversorgung gehören z.B: eine warme Mahlzeit pro Tag, Hilfe beim Waschen, kleiden, Wäscheservice, Einkaufshilfe, Besorgungen (Medikamente) Diese Hilfestellungen dürfen jedoch nicht mehr als 4 Stunden pro Tag in Anspruch genommen werden und enthalten keine spezielle Pflege, wie Wundversorgung oder Spritzengabe. Die Hilfestellung sind erstattungsfähig und der Betrag hängt vom Einkommen ab – in der Regel um die 1.000 HUF/Stunde, was die tatsächlichen Kosten jedoch bei weitem nicht abdeckt.


Kurz- und Langzeitpflege


Als besonders bedauerlich betrachtet Nadin Arts den Wegfall der Kurzzeitpflege, der Ende 2023 beschlossen wurde.


Langzeitpflege und Altenpflegeeinrichtungen sind in Ungarn für Menschen im Rentenalter gedacht, die sich nicht oder nur mit ständiger Hilfe selbst versorgen können, aber keine regelmäßige stationäre Behandlung !! benötigen. Auch hier sind die Wartelisten lang, daher empfiehlt es sich, sich frühzeitig darum zu kümmern. Um auf die Warteliste zu kommen, braucht es oft einen Bürgen und eine Summe, mit der sich der Pflegebedürftige „einkauft“.


Häusliche Pflegedienste


Die Dienstleistung der häuslichen Pflege gibt es seit 1996 in Ungarn. Diese fällt nicht unter das Sozialfürsorgesystem, sondern unter das Gesundheitssystem und wird daher nicht von den Bestimmungen des Sozialversicherungsgesetzes erfasst.


Ziel des von der Nationalen Krankenkasse (NEAK) öffentlich finanzierten Pflegedienstes ist es, durch häusliche Pflege mit spezialisierten therapeutischen Leistungen eine Alternative zur Krankenhausbehandlung zu bieten bzw. die Dauer der Krankenhausbehandlung auf das notwendige Minimum zu reduzieren. Diese Pflege kann auf Anraten des behandelnden Arztes oder des Hausarztes beantragt werden und darf nur von einer qualifizierten Pflegekraft erbracht werden.


Dieser Dienst kann also vom Arzt verordnet werden, allerdings nicht unbegrenzt: Die Anzahl der Besuche pro Jahr ist durch eine zeitliche Begrenzung geregelt. So können z.B. insgesamt 14 aufeinanderfolgende Besuche beantragt werden. Danach können Betroffene, falls erforderlich, auf der Grundlage einer erneuten ärztlichen Untersuchung einen neuen Antrag stellen und diesen drei weiteren Malen wiederholen, insgesamt also höchstens 56 Besuche im Jahr, mit einer maximalen Dauer von 3 Stunden pro Besuch.


Abwanderung qualifizierter Pflegekräfte


Nach wie vor Sorgen macht die Abwanderung qualifizierter Pflegekräfte. Ein Blick auf die Vergütungen des Pflegepersonals erklärt, warum qualifizierte ungarische Pflegekräfte, die zudem gut deutsch sprechen, lieber im Ausland arbeiten. Die Verdienstmöglichkeiten sind meist erheblich besser als im Inland. So verdient eine ungarische Pflegekraft mit guten Deutschkenntnissen in der Regel im 14-Tages Rhythmus in Österreich um die 1300-1500 EUR und hat dann 14 Tage frei. Es ist also utopisch davon auszugehen, dass man in Ungarn eine deutschsprachige und gut ausgebildete Fachpflegekraft für eine häusliche 24-Stunden Pflege für unter 50 EUR am Tag findet. Nadin Arts empfiehlt deswegen, frühzeitig Rücklagen für die Pflege zu bilden, um eine qualifizierte Pflege im Alter sicherzustellen.


Hospizdienst


Neben der häuslichen Pflege gibt es in Ungarn auch einen Hospizdienst zur Unterstützung unheilbar kranker Menschen. Hier zielt die Behandlung in erster Linie auf die Linderung der Symptome und nicht auf deren Heilung ab und kann in jedem Alter in Anspruch genommen werden.

Die Hospizbetreuung zu Hause ist kostenlos. Sie kann über Ihren Arzt oder Hausarzt beantragt und für bis zu 50 Tage bestellt werden. Das Netzwerk der Hospizpflege, das hauptsächlich von ehrenamtlichen Mitarbeitern getragen wird, ist nach Aussagen von Nadin Arts leider dünn, sodass auch hier Engpässe entstehen können.


Wichtig zu wissen: Dieser Dienst steht nicht für alleinstehende Patienten zur Verfügung, da die Pflege die ständige aktive Beteiligung der Familie erfordert: Die Betreuung ist nicht Teil der Hospizpflege.


Patientenverfügung


Nadin Arts lieferte auch wichtige Informationen zum Thema Patientenverfügung. Wichtig: Die in Deutschland erstellten Verfügungen sind in Ungarn nicht gültig! Diese müssen hier gesondert erstellt und amtlich beglaubigt werden.


Automatisch Organspender


Viele wissen auch nicht, dass man in Ungarn automatisch zum Organspender wird, es sei denn, man hat diesem schriftlich widersprochen. Liegt diese Erklärung vor, kann sie in einem nationalen Register hinterlegt werden.


Testamente


Auch rät die Pflegeexpertin, ein besonderes Augenmerk auf das eigene Testament zu legen. So sind die sogenannten Berliner Testamente z.B. in Ungarn nicht gültig. Wer hier sicher gehen will, sollte sich unbedingt von einem ungarischen Rechtsanwalt beraten lassen.


Hausnotruf


Wer sich mit einem Hausnotruf absichern möchte, muss private Anbieter in Anspruch nehmen, denn der landesweite ungarische Hausnotruf ist leider nur für ungarische Staatsbürger vorgesehen.



 

Wer Fragen zum Thema hat, sei die Beratungsleistung von Nadin Arts ans Herz gelegt. Auf unserer Webseite finden Sie ein Kurzportrait sowie die Kontaktdaten: >> mehr zu Nadin Arts


 

Über den Veranstalter:


Diese Veranstaltung wurde von Paersch Services Kft. im Rahmen der Reihe „Impulsvorträge am Balaton“ organisiert. Weitere Termine finden Sie >> hier.


Über die Autorin:

Emily Paersch, Geschäftsführerin der Paersch Services. Kft.


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